Pressemitteilung der Wrangelkiez-Initiative

Das BMW-Gentrifizierungs-Lab ist Teil des Problems, nicht seiner Lösung

Ein paar Richtigstellungen zur medialen Hetze

Die BMW-Image-Designer biedern sich im Kiez an. Kastanienallee, Pfefferberg und Kreuzberg gehen auf Distanz, dem LKA schwant Schlimmes, BMW lässt die Presse berichten, als sei ein Rechtsbruch bewiesen. So wird Kritik und politisches Engagement kriminalisiert und obendrein seitens der „Volksvertreter“ als dumpf abgestempelt! Nun rätselt der schwerfällige BMW-Denk-Panzer seit Tagen, wie die verärgerten Gäste ihrer ersten öffentlichen Veranstaltung (Cuvrystrasse) -also die von willkürlicher Mietsteigerung und Verdrängung betroffenen oder bedrohten AnwohnerInnen, die KritikerInnen eines unsozialen Mietrechts, die von BMW-Banalitäten enttäuschten KunstliebhaberInnen und die kritische Öffentlichkeit- ein weiteres Mal zu täuschen und beleidigen seien. Schluss damit!

BMW verfolgt mit dem „Lab“ einfach nur eine neue Art von Marketing-Strategie (nachzulesen im Interview des Manager-Magazins mit dem BMW-Marketingchef Ellinghaus.

Zitat: „Wir haben es hier mit einem interessierten, aufgeschlossenen Publikum zu tun, das wir mit traditionellem Marketing und herkömmlichen Kommunikationskanälen immer weniger erreichen. All jene, die ganz definitiv keine Autozeitschriften lesen und die sich weniger für Fernsehen, Print und andere traditionelle Medien interessieren. Diese Menschen erreichen wir mit Veranstaltungen außerhalb der üblichen Terrains einer Premiummarke wie beispielsweise dem Golfsport. Mit der Experiential branding-Strategie, und ganz konkret mit dem BMW Guggenheim Lab, möchten wir jene ansprechen, die heute vielleicht noch keine besondere Affinität zur Marke BMW haben. (…) Natürlich erhoffen wir uns positive Abstrahlungseffekte auf die Marke BMW und auf das Unternehmen. (…) Bislang war BMW die Marke für aufstrebende, für junge, für dynamische Menschen. Jetzt möchten wir bewusst zeigen, dass BMW viel mehr ist – das ist ein Paradigmenwechsel im Marketing von Premiummarken. (…) Es geht mitnichten darum, möglichst viel für kulturelles Engagement auszugeben, sondern um eine langfristige, positive Wahrnehmung des Unternehmens als auch um die Reputation der Marke BMW“.

Diese Image-Kampagne ist keinesfalls einzigartig. Im Mai 2011 hatte Audi mit dem „Urban Future Award“ und der „Urban Future Initiative“ in Architekturkonzepte investiert. In Kooperation mit dem New Museum in New York sollten in Workshops und Diskussionsveranstaltungen Konzepte der neuen Mobilität und Stadtentwicklung entworfen werden. VW kooperiert mit dem Museum of Modern Art und will im Rahmen der Kampagne „Think Blue“ mit den MoMA-Leuten Nachhaltigkeitsprojekte entwickeln.
Und wie sich private Autokonzerne die öffentliche Stadtplanung von morgen vorstellen, dürfte auf der Hand liegen.

Zustande gekommen ist der Deal zwischen BMW und Guggenheim, indem das Museum in New York eine Werbe-Ausstellung mit BMW-Designs zeigte und der Konzern nun im Gegenzug diese „Experiental branding strategy“ finanziert.

Eine Mehrheit der Anwohnerinnen und Anwohner im Wrangelkiez hat diesen weiteren Baustein zur Gentrifizierung abgelehnt, wie wir in vielen Gesprächen feststellen konnten und wie es auch auf der ersten Werbe-Veranstaltung hier deutlich wurde.

Der Protest unterschiedlichster Gruppen und Einzelpersonen, Anwohner, Künstler_innen, Gewerbetreibende und Kiez-Institutionen ist vollkommen berechtigt. Die in den letzten Tagen zu lesenden, teils haßerfüllten Texte, vor allem in der Springer-Presse, offenbaren uns (wieder einmal) den lobbyistischen und asozialen Charakter einiger „Journalisten“. Wir haben allerdings auch die durchaus ausgewogene Berichterstattung in anderen Blättern wahrgenommen.

BMW und Guggenheim hatten ein paar Leute aus einem Künstler-Verein in der Cuvrystrasse eingekauft, Franz Schulz hatte denen Kontakte mit Basis-Initiativen vermittelt. Nachdem Aktivist_innen diese Initiativen über den wahren Charakter dieses Reklame-Wanderzirkus faktisch aufgeklärt hatten, haben diese die Zusammenarbeit mit dem „Lab“ gekündigt und erklärt, sie würden sich nun den Protesten dagegen anschließen.

Selbst der ursprünglich vorgesehene Bauleiter, also derjenige, der für den bautechnischen Auf- und Abbau zuständig sein sollte, lehnte den Auftrag ab mit der Begründung, er wohne selbst in Kreuzberg und wolle so ein Scheiß nicht unterstützen.

Verschiedenste Gruppen hatten sich darauf verständigt, aus dieser Image-Veranstaltung eine Image-Schädigungs-Veranstaltung mit vielerlei Aktionen zu machen. Nicht weit vom geplanten Lab-Gelände entfernt in der Köpenicker Strasse betrieb BMW von 1941 bis 1944 eines ihrer Zwangsarbeiterlager (Quelle: Kreuzbergmuseum), aktuell befindet sich der Konzern in Auseinandersetzungen mit der IG Metall wegen der massenhaften ungerechten Behandlung von Leiharbeitern. Den Herrschaften war über ihre Kontakte klar, daß (u.a) dies Themen des Protestes sein würden. Sie wussten wohl auch, daß wir die Machenschaften der Familie Quandt, dem größten Anteilseigner von BMW, thematisieren würden. Die jetzige Absage ist für uns deshalb ein weiterer Beleg dafür, daß es von Anfang an nicht um „kritische Diskussionen“ ging, sondern schlicht und ergreifend um Werbung.

Begrüßt wurde die Absage nicht nur im Wrangelkiez, auch auf Nachbarschaftsblogs New Yorker Aktivist_innen (auch dort gab es Proteste gegen das „Lab“), von wohnungspolitischen Gruppen, Mietrechts-Aktivist_innen und Künstler-Gruppen, sogar in Mainstream-Blättern (s. Kommentar von J. Augstein im Spiegel.

Berichte über die „Lab“-Veranstaltung in New York belegen, daß diese angebliche „Denkfabrik“ nur hohle Sprechblasen zu bieten hat. Ihre Legitimation versuchen sie durch den Einkauf lokaler Initiativen zu erreichen. Dies soll dieser Werbe-Nummer einen authentischen Anstrich geben. 10% der Bevölkerung im Wrangelkiez sind in den letzten Jahren bereits Verdrängungsprozessen zum Opfer gefallen, besonders betroffen sind Immigrant_innen, die ohnehin einer massiven Diskriminierung auf dem „Wohnungsmarkt“ ausgesetzt sind. Kreuzberg führt mittlerweile berlinweit die Liste der Teuerungsrate bei Neuvermietungen an, in der Wrangelstrasse gibt es bereits Häuser, bei denen die Quadratmeter-Preise auf dem Niveau von Immobilien Unter den Linden sind. Die Wohnmieten (z. B. rund um den Görlitzer Park) sind in den letzten Jahren um bis zu 30% gestiegen, die Gewerbemieten (z. B. in der Falckensteinstrasse) kletterten um bis zu 400%.

Wir halten es für eine perfide „Strategie“, daß die betroffene Bevölkerung auch noch selbst an Aufwertungs- und damit Verdrängungsprojekten mitarbeiten soll. Die Empörung darüber ist groß, die Proteste waren und werden auch in Zukunft nichtintegrierbar-vehement sein. Deshalb ist anzunehmen, daß das Lab auch an einem anderen Ort innerhalb Berlins auf Widerstand stoßen wird. Übrigens hat das Lab auch andernorts, wo es in Berlin nach einem Veranstaltungsort suchte, eine Spur der Unmut hinterlassen, so in der Kastanienallee und am Pfefferberg.

Wir haben den sog. „Bankenskandal“ und seine Mechanismen nicht vergessen. Wir kennen seit Jahrzehnten die politischen Bau-Mafia-Strukturen in dieser Stadt. Wir erinnern uns, daß die politisch Verantwortlichen erst durch ein Volksbegehren dazu gezwungen werden mussten, Verträge zur Privatisierung des Berliner Wassers offenzulegen. Als die dann offenlagen, wurde klar, warum sie ursprünglich geheim waren. Für die einfache Bevölkerung hatten sie nur negative Konsequenzen, den „Geschäftspartnern“ wurde der Reibach darin garantiert.

Politiker_innen von SPD, CDU und den Oliv-Grünen haben nun ihr „Bedauern“ über die Absage der Werbe-Veranstaltung in Kreuzberg erklärt. Wir halten das für sehr passend, sind es doch meist dieselben Leute, die politisch für steigende Mieten und Verdrängungsprozesse verantwortlich sind. Das Ausmaß, mit dem sie sich nun einer anderen Form von BMW-Werbeclip anbiedern, zeigt ihren wahren Charakter jenseits von Wahlkampf-Geschwätz. Sie hatten das schon deutlich gemacht, indem sie den eindeutigen Kreuzberger Bürgerentscheid zur Bebauung des Spreeufers faktisch ignorierten. Die derzeit laufende Hetze gegen die legitimen Proteste der Bevölkerung macht diese Verachtung gegenüber den Bedürfnissen der Mehrheit der Anwohner_innen zusätzlich deutlich.

Ein weiteres Beispiel herrschender „Wohnungspolitik“ befindet sich schräg gegenüber der Cuvry-Brache in der Schlesischen Str. 25 (s. GSW23). Dieses Haus befand sich ursprünglich in landeseigenem Besitz, wurde dann an die GSW verschenkt und diese hat es nach ihrer Privatisierung systematisch entmietet und dann an Privatspekulanten verscherbelt, die nun dort mit Eigentumswohnungen Profit herausschlagen wollen. Als Anwohner_innen letztes Jahr einige der 33 leerstehenden Wohnungen dort besetzten (wofür es große Sympathie in der Umgebung gab) fiel der Politik nur das ein, was ihnen immer einfällt, wenn die Mittel der strukturellen Gewalt nicht mehr funktionieren: Sie ließen mit einem ziemlich brutalen Bulleneinsatz räumen. Diese „Politik“ ist kein Einzelfall, sondern eher die Regel. Und von Leuten, die die Bombardierung anderer Länder befürworten und mit-betreiben, müssen wir uns nichts über Gewalt erzählen lassen. Genausowenig wie von Sprechern eines Konzernes dessen Reichtum sich auf Rüstungsproduktion in zwei Weltkriegen und der Ausbeutung von Sklavenarbeiter_innen gründet.

„Kreuzberg ist wahrscheinlich der internationalste Stadtteil Deutschlands, wahrscheinlich der Stadtteil der Deutschland am meisten ein Weltgefühl gibt , der Berlin zur Weltstadt macht.“ Dieses Zitat stammt nicht von uns, sondern von Tim Renner, Chairman der Universal Holding GmbH, ansässig an der Oberbaumbrücke.
Kreuzberg ist ein Ort, in dem Menschen vieler verschiedener Nationalitäten tolerant zusammen leben, in den (speziell auch im Wrangelkiez) täglich Tausende von Menschen aus aller Herren Länder kommen.
Wir könnten jetzt hier viel über eine jahrzehntelange Geschichte dieser „Kreuzberger Art“ reden, meinen aber, daß gar nicht nötig zu haben. Nur soviel: Es gibt tatsächlich intolerante Einstellungen hier. Sie gelten Faschisten, Rassisten und Spekulanten. Das ist, was Politiker_innen in ihren verlogenen Sonntagsreden „Zivilcourage“ nennen.

Die Arbeit vieler wohnungspolitischer Gruppen in dieser Stadt, die Mieten-Stop-Demo letztes Jahr mit Tausenden von Teilnehmer_innen, unzählige lokale Aktionen und Initiativen haben die Wohnungspolitik mittlerweile zu einem stadtweiten Thema gemacht, das von der herrschenden Politik lange Zeit kleingeredet wurde. Solange die Verhältnisse und Entwicklungen so sind, wie sie derzeit sind, wird es weiterhin notwendig sein, der neoliberalen Verwertungsstrategie etwas entgegenzusetzen.

Mitte Juni wird es beispielsweise eine Jahrestagung der Immobilienwirtschaft in einem Luxus-Hotel geben, auf der Profitstrategien besprochen werden sollen. Anschließend möchten sich die Spekulanten im kulturell-gastronomischen Ambiente amüsieren. Wir werden auch da sein!

Post scriptum: Für die Schließung der Guggenheim-Dependance Unter den Linden sind wir übrigens nicht verantwortlich. Das waren Nadelstreifen-Träger, die das mit einer Unterschrift besiegelten und gegen die von Politik und rechter Journaille (natürlich) nicht gehetzt wurde.
Und wer in den letzten Tagen Gewalt sehen wollte, konnte dies bei der Räumung des Kunstprojektes Tacheles beobachten, als Uniformierte gewaltsam gegen Künstler_innen vorgingen.

wrangelkiez (ät) riseup.net