Archiv für Juni 2012

Do kom do Polozo, jo, wos ost donn dos?

Gestern wurde das BMW Guggenheim Lab eröffnet.

Ein interessanter Aspekt der Public Private Partnership (im Soziologen-Deutsch als „kooperatives Zusammenwirken von Hoheitsträgern mit privaten Wirtschaftssubjekten“ definiert, wobei „PPP in vielen Fällen mit einer teilweisen Privatisierung von öffentlichen Aufgaben einhergeht.“) wurde dabei sichtbar, der des Zusammenwirkens von Polizei und privaten Sicherheitsdiensten.
sicherheitsdienst
Nischen-Polizei

Wie äußerte sich doch die bedauernswerte Kuratorin des BMW Guggenheim Lab bezüglich der Polizei-Präsenz?

„Wenn jemand eine Präsentation im Lab macht, möchte ich nicht, dass die Besucher das Gefühl haben, sie sind von Polizei umringt.“ (Der Tagesspiegel, 28.4.12)

„Das Lab ist ein Kulturprojekt, es ist ein kleines Projekt. Es muss nicht von hundert Polizisten beschützt werden.“ (Netzseite der ‚GSD. Wir schaffen Sicherheit‘ (s. link oben)

Polizei in der Christinenstr.

In gewisser Weise hat sie recht, denn laut Einsatzleiter Roman Seifert waren nur „etwa 50 Polizisten“ vor Ort.
wenke u.a.
Die dann auch denen, die gegensätzliche Meinungen lautstark vertraten, den Zutritt verwehrten. Die Polizei nahm die Personalien auf und erteilte Platzverweise.
Sogar Mitgliedern des Anwohnervereins „Leute am Teute“ wurde der Aufenthalt auf ‚ihrem‘ direkt an den Pfefferberg angrenzenden Teutoburger Platz untersagt. Dabei hatte das BMW Guggenheim Lab den Verein am Vortage ausdrücklich eingeladen, auch kritische Positionen zu vertreten, allerdings nur Donnerstag nachmittags von 15 -16 Uhr, wenn wir es uns richtig in unseren Protest-Terminkalender eingetragen haben.

Hier ’ne Wanne, da ’ne Wanne, mittendrin ’ne Rösterpfanne

So viel „Lärm um nichts“ könnte man sagen angesichts des Pille-Palle-Programms des BMW Guggenheim Lab (s. Spiegel-online: „Viel Lärm um eine Bastelecke“).
Aber empören kann man sich schon darüber, wieviel Geld verschleudert wird für die kreativen Bastelkurs-Experten vom MIT und anderswo, für die Sicherheitsdienste und Polizeieinsätze. Für das Einfliegen des Guggenheim-Chefs Armstrong aus New York, für
Wowereit und Armstrong: Wo liegt Mumbai?
Armstrong: „Mumbai liegt wirklich nicht in Italien?“ Wowereit: „Nein, am Po.“ (In seiner Eröffnungsrede siedelte Armstrong Mumbai zunächst in Italien an.)

Wowereits Stippvisite im 750er-Security-Car-BMW, für die Anwesenheit des BMW-Kulturchefs Girst (dezent im Hintergund platziert wie sein Logo), um sich gegenseitig zum Premium-Marken-Laboratorium in der „vielleicht kreativsten Stadt der Welt“ (Armstrong) zu beglückwünschen an einem Ort, an dem, wenn der Geldsack nicht regieren würde, laut früheren Planungen schon lange ein internationaler Kiezkindergarten mit einem auch öffentlich zugänglichen Spielplatz hätte entstehen sollen und können.

Willkommen im Hochsicherheitstrakt der Hochburg der Hochkultur

Polizei vor\'m Pfefferberg
Polizei am 12.5. vor‘m Pfefferberg. Demonstration gegen Schließung von Sozial- und Kulturprojekten
Polizei am 27.4.
Polizei am 27.4. hinter‘m Pfefferberg. Recht auf Stadt. Wir bleiben alle-Demonstration.

Schweres Gerät

Polizei am 27.4. mit Gerät zum Barrikaden Räumen. Gemach, Jungs, wir sind doch nicht in Griechenland, auch wenn es näher rückt!

Brandzeichen (branding)

mit dem Lasso einfangen, niederwerfen

Mit dem Lasso einfangen, niederwerfen, festhalten und brandmarken, so funktioniert das „branding“.

An diesem Ablauf hat sich im Grunde genommen bis heute nichts geändert, nur die Methoden haben sich gewandelt.

Das Anwachsen der Herden und der vermeintlich dummen, noch zu brandmarkenden Kälber machte technische Erneuerungen notwendig wie die Kälber-Wiege.
calf cradle
Das ist eine Vorrichtung, in die Kälber eingeklemmt werden, um ihnen ein Brandzeichen zu verpassen, eine sogenannte „calf-cradle“, eine bemerkenswerte sprachliche Verbrämung.
Es schaut auch schon so aus, als ob sich die Kälblein anstellen, um endlich ihr „branding“ zu erhalten.

Denn Zwang auszuüben, ist nicht so schick. Das behält man sich für Notfälle vor.

Heute hat jeder Rinderbaron und jede Premiummarken-Dynastie ein Leitbild , in dem in der Regel von dem Glanz der Marke, von der Qualität des Produkts, von der Gutherzigkeit der Produzenten, von der Gestaltung der Zukunft, von Visionen, Glaubwürdigkeit, Integrität und „sustainability“, dem Unwort der letzten 25 Jahre, die Rede ist.

Das Platzieren einer Marke

Das „branding“, das Platzieren einer Marke, funktioniert heute mit vielfältigen Methoden, ersonnen von einem Heer von Marketingexperten, Meinungsforschern und Werbeagenturen. Die Marke hat auch einen Markenwert. BMW belegt im Marken-Ranking der Autohersteller mit einem Wert von 19,4 Milliarden den 1. Platz vor Toyota.

Und alles, was mit der Marke zu tun hat, das „branding“, erfolgt „nachhaltig“ (was immer auch diese Begiffshülse ausdrücken soll), umwelt- und ressourcenschonend. Wahrscheinlich erfolgt das Kälber-Branding jetzt mit einem solarbetriebenen Waffeleisen, (s. Programm des BGLab vom 21.6.: „Have you ever wanted to make your own home-roasting waffle iron? Join Anna Young to build your own solar branding roaster using cheap household materials. Learn how solar energy can be used for basic branding purposes and walk away with an awesome solar roaster.“ Just kidding, Anna!)
Die „calf-cradle“ ist selbstverständlich transportabel, weil sie aus einer leichten, aber äußerst haltbaren Karbonfaser hergestellt wurde, entworfen von WauWau aus Pritzwalk, der Heimat der Quandts. Und die hohen Temperaturen, die wiederum für die Herstellung der Karbonfasern benötigt werden, werden aus Wasserkraft gewonnen (s. BMW/SGL Carbon Moses Lake, USA), um die „gesamte Wertschöpfungskette nachhaltig zu gestalten“.
Heute, da wir ja in Huxleys „Schöne(r) neue(r) Welt“ leben und in Neill Postmans „Wir amüsieren uns zu Tode“ und nur, wenn es unbedingt sein muß, Orwells „1984“er Kontrolle und Zwang ausgesetzt werden, haben die Konzerne Heerscharen von Werbefuzzys angestellt, die dafür sorgen sollen, daß die Konsumenten-Kälber sich freiwillig anstellen.

„We make people love a brand“

lautet folgerichtig der Slogan von Häberlein & Mauerer, eine der BMW-Agenturen, zuständig für die Vermarktung des BGLab.

Das BG Lab als Bestandteil des „experiential branding“

Wir haben bereits auf die Worte des BMW-Marketing-Chefs Ellinghaus im Manager-Magazin hingewiesen:
„Wir haben es hier mit einem interessierten, aufgeschlossenen Publikum zu tun, das wir mit traditionellem Marketing und herkömmlichen Kommunikationskanälen immer weniger erreichen. All jene, die ganz definitiv keine Autozeitschriften lesen und die sich weniger für Fernsehen, Print und andere traditionelle Medien interessieren. Diese Menschen erreichen wir mit Veranstaltungen außerhalb der üblichen Terrains einer Premiummarke wie beispielsweise dem Golfsport.
BMW Golfturnier 2012 Mit der Experiential branding-Strategie, und ganz konkret mit dem BMW Guggenheim Lab, möchten wir jene ansprechen, die heute vielleicht noch keine besondere Affinität zur Marke BMW haben. Natürlich erhoffen wir uns positive Abstrahlungseffekte auf die Marke BMW und auf das Unternehmen. Bislang war BMW die Marke für aufstrebende, für junge, für dynamische Menschen. Jetzt möchten wir bewusst zeigen, dass BMW viel mehr ist – das ist ein Paradigmenwechsel im Marketing von Premiummarken. Es geht mitnichten darum, möglichst viel für kulturelles Engagement auszugeben, sondern um eine langfristige, positive Wahrnehmung des Unternehmens als auch um die Reputation der Marke BMW“.

Und weil auf den Märkten immer erneuert und mit immer größeren Sensationen aufgewartet werden muß, reicht es nicht mehr, wenn die Namen bei Fußballspielen, Formel 1-Rennen, Golfturnieren oder bei altbackenem Kultursponsoring auftauchen, sondern es gibt inzwischen „experiential branding“, „guerilla branding“ etc.
Und die Maketing-Spezialisten haben natürlich auch von Mr. Chance und dem „Change“-Slogan seines Vermarkters David Axelrod, dem Obama-Macher, gelernt (die Marke „Obama“ ist ebenfalls inzwischen Milliarden wert.) Sie werfen sich wie die Obama-Vermarkter auf jede aufständische Bewegung, auf jeden Querdenker, nennen sich selbst „Uprising-marketer“ und versuchen, auch zivilen Ungehorsam in Profit umzumünzen.

Ein dezent plaziertes Logo

BMW Logo

Der BMW Kulturchef Girst, der dem BMW-Marketingmanager Ellinghaus in der Deutlichkeit seiner Aussage nicht nachsteht, antwortete auf die Frage:

„Worin besteht für BMW der Nutzen in der konkreten Vernetzung mit der Kultur?“

Girst: „Ganz klar und nicht hinter vorgehaltener Hand: um den Imagetransfer. (…)
Im Idealfall wird BMW als Förderer derart wahrgenommen, das man am dezent platzierten Logo auch den hohen Qualitätsanspruch einer Veranstaltung erkennt, unser Firmensignet als Prädikat und Gütesiegel für Anspruchsvolles auf höchstem Niveau versteht. Und ganz ehrlich, wenn Kaufentscheidungen soziale Entscheidungen geworden sind, wenn der emotionale Mehrwert entscheidend wird für den Erwerb eines Produkts, dann ist fernab von Eventfeuerwerken kulturelle Förderung als über viele Jahrzehnte hin gewachsener Teil der DNA der Unternehmenskultur in diesem Zusammenhang eine durchaus auch strategisch sinnhafte Tätigkeit.“

Sie sollten nicht vergessen, Herr Ellinghaus. Herr Girst, ihr Kuratorinnen und Kuratoren (wofür sorgt ihr eigentlich ? Denkt ihr darüber nach?), selbst in Zeiten, in denen Werber sich nicht entblöden zu fragen: „Do brands have souls?“, gibt es herrenlose Herumtreiber, „mavericks“, wie man die Rinder ohne Brandzeichen nannte nach dem Namen eines Rinderzüchters, der sein Vieh nicht brandmarkte. (Im englischen Sprachgebrauch werden damit eigenwillige Einzelgänger, Nonkonformisten, Rebellen und Querdenker bezeichnet.)
Wir kommen ohne „branding“ aus, auch ohne die moderne Variante implantierter Microchips, mit denen das Rindvieh heutzutage markiert wird.
Und wir lassen uns durch Marken-Placement, Guerilla Marketing, experiential branding über social media und was auch immer nicht die Köpfe vernebeln und ein X für ein U vormachen bzw. eine Autobahn für einen Garten oder eine CO²-Schleuder für einen Gesundbrunnen.

So keep in mind: We are mavericks and our horns are growing!

Papperlabpapp!

P.S.: Noch ein Tip an das BMW-Wunder-Wander-Laboratorium: Wenn ihr nach Mumbai weiterzieht, seid vorsichtig mit dem branding. Denn Mumbais Kühe sind heilige Kühe.

Über die Deutungshoheit in der Stadt


Wer mit dem Geldsack auf sich einschlagen läßt, sollte sich nicht vor Farbbeutelchen fürchten!

Über die Deutungshoheit in der Stadt.

Innensenator Henkel vermeldete: „Wenn die Informationen zutreffen, scheint es so zu sein, dass ein paar Chaoten bestimmen wollen, wer im Kiez leben darf und wer nicht. Das ist mit einer weltoffenen und toleranten Metropole nicht zu vereinbaren.“
Wenn…! (If! If I had a hammer, I‘d hammer in the morning…)
Das war die Sprachregelung in der öffentlichen Debatte um das BMW Guggenheim Lab:
Wir, Bürgermeister und Senat, repräsentieren die weltoffene, tolerante Metropole. Auf der anderen Seite steht die übliche kleine, radikale Minderheit, stehen die Drohungen aus der linksextremistischen Szene, das hohe Gefährdungspotential für die arme „Denkfabrik“.

Worte, Worte, Substantive…

Bei näherem Hinschauen löst sich alles jedoch in einer Reihe von Konjunktiven und Konditionalsätzen auf.
„In einer Gefährdungsbewertung kam das Landeskriminalamt (LKA) zu dem Schluss, dass es zu Sachbeschädigungen kommen könnte
.“
„Auf Internetseiten und in einem anonymen Fax sei ‚abstrakt‘ zur Verhinderung des Lab aufgerufen worden“, sagte Polizeipräsidentin Koppers.
Ach du meine Güte!

Wenn die Informationen zutreffen, scheint es so zu sein, dass…“
Wenn der Innensenator seine Gefahrenanalyse auf Anschein und Konditionalsätzen aufbaut, dann scheint es so zu sein, daß es ihm auch noch gelingen wird, Massenvernichtungswaffen in der Cuvrystraße zu finden.

Die moralische Legitimation von Wowereit und Henkel

Vielleicht hilft ihm da sein Fraktionsvorsitzender Graf , dem Henkel, die CDU-Fraktion, Wowereit und die Kumpels von der SPD ihr Vertrauen aussprachen dafür, daß die Uni Potsdam ihm wegen einiger Plagiate den Doktortitel entzog. (Willkommen im Club!) „Er habe eine zweite Chance verdient“, sagte Henkel. Wofür? Für weiteres Lügen und Betrügen? Für einen erneuten Dr.eh?
Oder Henkel und Wowereit holen sich juristischen Beistand bei dem Notar für Schrottimmobilien Michael Braun (CDU), der im Dez. 2011 nach 12 Tagen sein Amt als Justizsenator eben wegen fragwürdiger Immobiliengeschäfte aufgeben mußte. Natürlich sprachen sie auch ihm ihr „vollstes Vertrauen“ aus, hatten „Respekt vor seiner Entscheidung“ und maßen ihm für die 12 Tage ein bescheidenes Übergangsgeld von 50 000 € zu. (Wieviel bekommt man in Berlin denn nach einem Jahr? 365:12=30×50 000 = 1,5 Millionen € ?)

Oder wie wäre es mit der moralischen Legitimation unseres Bürgermeisters, des Aufsichtsratsvorsitzenden der Flughafengesellschaft, , der von sich behauptet, „keine Ahnung vom Ausmaß der Mißstände“ gehabt zu haben? Man nennt ihn auch Finca-Klaus nach seinem Besuch auf dem spanischen Anwesen
Finca-Klaus des Partyveranstalters Schmidt. Berlin- Capital-Club-Golfer könnte man ihn auch nennen.
(Man beachte die ‚feinsinnige‘ Doppeldeutigkeit in der Namensgebung: Hauptstadt und Kapital/Stammvermögen)Im Privatjet seines Golfer-Buddys Ex-Bahnchef Dürr flog er zum Golfen nach London und schlug den Jetset-Golfer anschließend für das Große Verdienstkreuz vor.
wowereit und wulff
Wowereit und Ex-Bundespräsident Wulff, auch ein Kumpel des
Party-Königs Schmidt

Die Legitimation durch die Wahl 2011

Soviel läßt sich zur moralischen Legitimität der Koalitionsschwätzer sagen.
Und selbst die angeblich durch die Wahlen in Berlin 2011 bestehende Legitimität ist mehr als dünn. Wir haben nachgerechnet. Wowereit sollte sich an die eigene Nase fassen, wenn er davon redet, daß „Protestaktionen kleiner Minderheiten nichts daran ändern“ würden, daß „ein auf Kreativität ausgerichtetes Projekt wie das Labor ein Gewinn für Berlin“ sei.

Wowereit wurde nämlich nur von einer kleinen radikalen Minderheit von 17 % gewählt.

Die Wahlbeteiligung lag bei 60,2%. Die Nichtwähler und die Ungültig-Wähler machen gut 40% aller Wahlberechtigten aus. Die SPD erreichte 28,3% der Stimmen von 60% der Wahlberechtigten. Auf 100% der Wahlberechtigten ergibt das 17%. Wenn man mit 17% der Stimmen sich frech und ohne Selbstzweifel das Bürgermeisteramt anmaßt, leidet
man an Realitätsverlust. Die CDU erreichte 14% (23,3% von 60%). Der Berliner Senat regiert also mit einem Stimmenanteil von 31% und ist den Nichtwählern deutlich unterlegen. Also reißt das Maul nicht so weit auf und fragt euch lieber, warum die Leute nicht wählen gehen. Ihr koaliert euch sowieso zusammen, wie es euch passt.

Wir maßen uns nicht an, für Berlin zu sprechen oder bestimmen zu wollen, wer Berlin besuchen darf, wie behauptet wird. Wir haben gern und oft Gäste, aber wir lassen es uns auch nicht nehmen, unsere Stimmen und unseren tätigen Protest gegen diejenigen zu erheben, die unsere Stadt verkaufen und rote Teppiche ausrollen für Konzerne und Geldsäcke, die uns ihren Schwindel auch noch schönreden wollen.


Kundgebung gegen die Eröffnung des BMW Guggenheim Lab

Samstag, 16.Juni, ab 14 Uhr
Christinenstraße / Zionskirchstraße

Kundgebung für selbst
organisierten Widerstand
gegen die Verdrängung
durch steigende Mieten,
gegen die Privatisierung
und Kommerzialisierung
des städtischen Raumes.
Quandt enteignen!