Auf den Spuren der Quandts in Berlin. Eine notwendige Exkursion

Werte Kuratoren des BMW Guggenheim Lab!

Ihr macht doch so gerne Exkursionen.
Wenn ihr, wie ihr immer behauptet, in euren Entscheidungen bezüglich des Inhalts eures ‚Labs‘ völlig unbeeinflußt von euren Finanziers der BMW-Group seid, dann solltet ihr eine der Entdeckungstouren aus eurem Programm einer besonderen „Schicht der Stadt“ (the layers of the city) widmen, der Schicht der Moral- und Herzlosigkeit der BMW-Eigner.

Die Quandts: „Für moralische Bedenken hatten sie kein Organ“

Der Historiker Scholtyseck hat 4 Jahre lang die Rolle der Quandt-Familie in der Nazi-Zeit untersucht und einen umfassenden Bericht vorgelegt. In einem Interview kommt er zu folgenden Schlüssen:

„Gibt es Dokumente, die auf moralische Bedenken der Quandts hinweisen?

Nein, dafür hatten die Quandts offenbar kein Organ. Gerade die „Arisierungen“ zeigen, dass Günther Quandt jede Gelegenheit zur Bereicherung nutzte, wenn es in die Unternehmensstrategie passte. Und dabei auch nicht davor zurückschreckte, sich der rassistischen Ideologie der Nazis zu bedienen. Jüdische Unternehmen im Ausland, bei denen der Zugriff am einfachsten schien, wurden im Weltkrieg als Erste ins Visier genommen.

Zeigte Günther Quandt niemals Skrupel?

Verglichen mit Robert Bosch, einem sozial denkenden Liberalen und Hitler-Gegner, war Quandt ein skrupelloser Unternehmer. Wenn er Kapital schlagen konnte aus politischen oder militärischen Entwicklungen, war er sofort dabei. Vor allem war er ein geschickter Opportunist, ein Mann, der sich wechselnden Zeitläufen anpassen konnte, der klug und kühl mit jedem Regime zurechtkam, ob mit dem autoritären Kaiserreich, der labilen Weimarer Republik, dem totalitären Dritten Reich oder der jungen Bundesrepublik. Insofern war er, um es mit einer Formel meines Kollegen Lothar Gall über den Bankier Abs zu sagen, „a man for all seasons“.

Opa war kein Nazi
Stefan Quandt, Herberts Sohn: „Opa war kein Nazi!“ (Opa Günther -links- und Vater Herbert Quandt -dritter von rechts- mit ihrem geliebten Führer am Stand der AFA auf der Automobilaustellung 1938 in Berlin)

(…)

Was für ein Mensch ist er gewesen?

Ganz schwer zu sagen: In der Zeit, als er mit seiner zweiten Frau Magda verheiratet ist, der späteren Frau Goebbels, kommt er abends nach Hause und studiert den Berliner Börsenkurier, anstatt sich um seine junge Frau zu kümmern. Etwas anderes gibt es nicht für ihn. Er verkörpert eine extrem einseitige, ganz auf das Wirtschaftlich-Pekuniäre reduzierte Weltsicht. Bei vielen Unternehmern weiß man ja, was sie im Innersten bewegt. Aber was diesen Mann außer Geld bewegt hat, ist mir auch nach vier Jahren Recherche nicht klar. Mein Eindruck ist tatsächlich, dass er für andere Dinge kein Herz gehabt hat.“

Scholtysek spricht von einer „bedingungslosen Beteiligung am Unrecht“.

Auch in den nachfolgenden Generationen der Quandt-Familie scheint ein Organ für moralische Bedenken nicht nachgewachsen zu sein.

Sie sind ebenfalls „geschickte Opportunisten, die kühl und klug mit jedem Regime zurecht“kommen.

Wenn es in der ‚jungen Bundesrepublik‘ darum ging, die ersten Aufträge für Rüstungsproduktion zu erhalten, die Quandts waren an vorderster Front dabei. Sie hatten immer noch nicht die Schnauze voll.

Während andere noch gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik demonstrierten, verdienten die Quandts schon wieder daran.

Sie hatten mit der Produktion von Waffen immer glänzende Geschäfte gemacht.
Also:
Triebwerke für Starfighter? Machen wir!
Panzer? Kein Problem!
Minen? Selbstverständlich!
Rolls Royce Triebwerke? Auch das!
Beteiligung am Super Sonic Tarnkappenbomber F22 und F35 der US Air Force? Wir sind dabei!

Ihre Haltung damals und heute: Im Moment machen wir zwar den Löwenanteil unserer Geschäfte mit unserer Premiumklasse, aber wenn sich die Schwerpunkte verlagern:
Wir sind bereit! Hauptsache, die Kohle stimmt!

Den Spuren dieser unmenschlichen Haltung kann man besonders in Berlin folgen.

Unsere Vorschläge für Exkurse (field trips):

Barackenlager Pertrix

Pertrix Niederschöneweide. Das Firmenkonglomerat der Quandts beschäftigte mehr als fünfzigtausend Zwangsarbeiter. KZ-Häftlinge, die bei Pertrix arbeiteten, „aßen vor Hunger das Material, vermischt mit Wasser, aus welchem die Batterien hergestellt wurden“.(Scholtyseck)

Das Haus am Askanischen Platz
Die Firmenzentrale der Quandts am Askanischen Platz 3 (heute „Tagesspiegel“), von der aus Herbert Quandt den Nachschub an Zwangsarbeitern orderte, z.B. 20 Personen Nachschub pro Monat für die AFA Hannover Stöcken. (Dort starben nachweislich über 400 Zwangsarbeiter.)

DWM Munition
Deutsche Waffen und Munitionsfabrik Eichborndamm
mit mehreren Zwangsarbeiterlagern, auch in der Schönholzer Heide.

Ley in Spandau
Besuch des Reichsorganisationsleiters Ley im Werk Spandau 1941, damals Flugmotoren, heute Motorräder.
Brandenburgische Motorenwerke (BRAMO) Spandau: „Das Berliner BMW Werk zählt zu den traditionsreichsten Produktionsstandorten der BMW Group. Wie im Münchener Stammwerk begann in Berlin die BMW Geschichte mit dem Bau von Flugmotoren. So entstanden ab 1939 unter anderem hier die Triebwerke der legendären JU 52.“ (die dann u.a. Guernica bombardierten.)
(aus einer BMW Group Mitteilung über „Produktionsstandorte“)

Also, werte Kuratoren!

Macht euch auf den Weg, macht einen ‚field trip‘ zu den Stätten eurer Auftraggeber.